Das Geheimnis der Entspannung

Dem Erleben von Entspannung, Ruhe und Gelassenheit liegen tiefere Gesetzmäßigkeiten zugrunde. Wirkliche Entspannung ist ihrer inneren Natur nach immer mit einem inneren Aktivsein verbunden

Die Sehnsucht nach Entspannung und Ruhe
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Für viele Yogaübende ist ihr primäres Motiv: Das Erleben von Entspannung und Gelassenheit. Tatsächlich kann eine einigermaßen regelmäßige Übungspraxis hier Großes bewirken. Wer Yoga kennenlernt wird überrascht sein, wie nach kurzer Zeit ein oft längst vergessenes Gefühl von Ruhe, Ordnung, Gelassenheit und wachsender Entspannung den Alltag begleiten.

Dieses Bedürfnis nach Entspannung und Ruhe ist der natürliche Gegenpol zu einer Zeit, die gerade durch ihre ständigen Leistungsanforderungen, Reizüberflutungen, durch ihre Schnelllebigkeit oder auch berufliche Monotonien geprägt ist. Die Folge sind Erschöpfung und die Erfahrung einer zunehmenden Zersplitterung des eigenen Lebens. Wir suchen Ausgleich.
Das natürliche Erleben von Entspannung durch die Körperübungen des Yoga
Wie bereits in anderen Beiträgen erwähnt, eröffnet sich durch Yoga ein erstes natürliches Gefühl von Ruhe und Entspannung, da mit den verschiedenen Yogaübungen die feineren Lebenskräfte (Pranakräfte) angeregt und ins Fließen gebracht werden. Diese unterliegen sonst im Alltag vielen Stagnationen und Blockaden und treiben somit Unruhe und Erschöpfung im besten Sinne voran. Werden die Pranakräfte durch die verschiedenen Dehnungen mit ihren unterschiedlichen Haltezeiten angeregt, so führt dies ganz natürlich zu mehr Leichtigkeit mit einem Gefühl der Ruhe und Sammlung. Auch der oft verkrampfte Atemrhythmus gewinnt durch Yoga eine gesündere Weite und gleichzeitig durchdringende Tiefe. Ein natürlich freier Atemfluss hängt sehr wesentlich mit dem Erleben von Ruhe und Entspannung zusammen.
Unser Verständnis von Entspannung bleibt meist noch sehr mechanisch und schließt den seelischen Menschen aus
Dennoch berühren wir damit noch ein sehr äußeres Verständnis von Entspannung, welches sich - unserer Zeit entsprechend - noch gänzlich einer äußeren Methodik und Technik unterwirft. Wenn wir uns heute auf der einen Seite verausgaben und verspannen, sind wir es gewohnt eine möglichst effektive Methode anzuwenden um rasch wieder aufzutanken und den Mangel zu beseitigen. Meist bleibt der Mensch aber in seinen Gewohnheiten und die Yogaübungen werden dann wie eine Pille als natürlicher Gegenregulator eingenommen. Viele Menschen 'entspannen' auch abends vor dem Fernseher und/oder dem Gläschen Wein, um den Ballast des Tages hinter sich zu lassen. Im autogenen Training wie auch in vielen Yogastilen arbeitet man mit Suggestionen um Entspannung zu erreichen. Wir hören vielleicht die sanft gesprochen Worte: 'Wir fühlen uns frei und lassen alles Licht durch jede unserer Zellen hindurchströmen...'. Dieses suggestive und damit sehr unkonkrete Arbeiten kann zwar, wenn man dies mag, durchaus entspannend wirken, ähnlich wie ein Glas Wein oder Bier entspannend wirken kann. Auf den Menschen in seiner ganzen Wesensnatur aber wirken diese Methoden nicht unbedingt förderlich. Leider bemessen wir den Wert einer Sache meist nur an ihrem äußeren Erfolg, so wie ich eine Schlaftablette nehme um Schlafen zu können und den Gebrauch der Tablette dadurch gutheiße.
Die Entspannung als natürliche Folge eines seelischen Aktivseins am Beispiel einer Betrachtungsübung
Wir vergessen dabei aber das so wertvolle Verständnis einer seelischen Aktivität, die uns heute durchaus fremdgeworden ist aber ein unendlich wertvolles Licht auf die eigentliche Natur der Entspannung wirft: Auch wenn wir das heute fast vergessen haben, so ist es doch so, dass unsere Seele und das damit eng verbundene Bewusstsein eine tiefe Sehnsucht nach Entwicklung, Reifung und Entfaltung ihrer Möglichkeiten verborgen in sich trägt. Diese Entwicklungsschritte aber können nur wir selber und niemals eine Technik leisten.

Nehmen wir ein Beispiel: Vor uns haben wir eine Blume, vielleicht eine Rose. Nun lernen wir diese einige Minuten in wacher Aufmerksamkeit sorgfältig und geordnet zu betrachten, ohne sie zu bewerten oder unsere Gefühle auf diese zu projizieren. Gleich so, als ob wir sie möglichst genau anschauen wollten, um sie im Nachhinein zeichnen zu können. Wir werden merken wie wenig wir es gewohnt sind unsere Sinne wirklich wach, geordnet zu einer Sache in Beziehung zu bringen. Wir schulen uns nun aber in einer sehr feinen nach außen gerichteten Aufmerksamkeit und Konzentration. Vielleicht schließen wir sogar nach der Betrachtung die Augen und lassen das Erinnerungsbild nochmal möglichst detailgenau vor dem inneren Auge entstehen. Wir üben uns - so eigentümlich das klingen mag - in einer ersten feineren Anschauung zur Rose. Nehmen diese ohne Intellekt und ohne Schwärmerei wach und aufmerksam wahr. Hier mögen fünf Minuten schon eine Herausforderung sein, wenn diese kleine Übung richtig aufgebaut wird. Die Folge wird nun sein, dass uns die Rose auf ganz eigentümliche Weise in ihrem Ausdruck, ihrer Erscheinung und ein wenig in ihrem Wesen nähergerückt ist. Wir erleben uns selber auf angenehme Weise belebt, erfrischt und aufgerichtet. Und: auf eine unverwechselbare Weise ruhig und entspannt. Was aber für ein Unterschied zu einer Entspannung die wir erfahren, wenn wir uns zum Abschalten vor den Fernseher gesetzt haben. Beides erzeugt Entspannung aber ihre Wirkungen oder 'Früchte' könnten gegensätzlicher nicht sein. Nicht der Fernseher oder das Glas Wein sollen hier verteufelt werden, aber um wirkliche Entspannung zu erfahren die nicht nur ein Abschalten ist, sind diese Dinge doch recht ungeeignet.
Die interessierte Auseinandersetzung mit Yogaübungen fördert eine tiefe Regeneration und Entspannung
Ähnliches gilt für die Praxis mit Yogaübungen. Wir können uns darin üben unsere Sinne in der Yogapraxis zu schulen. Vielleicht beginnen wir uns auf langsame Weise eine genauere Wahrnehmung zu den verschiedenen Übungen mit ihren Formen, Dynamiken und Eigenheiten zu entwickeln. Möglicherweise lesen wir einige interessante Hintergründe zum Wesen einer Yogaübung und lernen sie dann in der Praxis neu und tiefer kennen und erleben. Wir bleiben nicht mehr nur Konsument einer Yogaübung, sondern erleben uns in einem lebendigen Prozess der Auseinandersetzung mit der Übung. Wir werden auf gesunde Weise aktiv und wach. In der Folge merken wir, wie wir wachsen, gesunden und uns entfalten. Wir erfahren die daraus folgende Entspannung als ganz natürliche Konsequenz eines inneren Aktivseins. Die Entspannung ist somit nicht mehr das Ziel des Übens, sondern rückt in ihrer unverwechselbaren Qualität an die richtige Stelle - dies erleben wir als Harmonie. Wir fühlen uns in der Tiefe entspannt und gleichzeitig mit uns und der Außenwelt auf gesunde Weise näher verbunden und versöhnt.

Wirkliche Entspannung ist immer die Folge eines geordneten seelischen Aktivseins zur Welt, zu den Mitmenschen oder - wie in diesem Falle - zu der lebendigen Dimension des Yoga und ihren profunden Möglichkeiten. Wir Erleben uns in Entwicklung.

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Die Entspannungslage

Auch in der bekannten Entspannungslage (shavasana) die zu Beginn oder am Schluss einer Übungsreihe praktiziert werden kann, bleibt das wahrnehmende Bewusstsein immer wach und gegenwärtig gegenüber dem Körper und sollte sich nicht in einem Träumen oder Schwelgen verlieren.