Die Schönheit von Bewegung und Form

Wie Yoga zu einem neuen und gesünderen Bewegungs- und Körpergefühl führen kann

Die mechanische Übungsweise im Gegensatz zu einem lebendigen Bewegungserleben
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Yogaübungen können durchaus einen recht dynamischen, spannkräftigen oder auch einen mehr beschaulichen, ruhigen und meditativen Charakter tragen. Unabhängig davon aber ist jeder Übung (asana ), ein spezifisches Bewegungserleben eigen, für das der Yogaübende heute oftmals noch sehr wenig empfindende Wahrnehmung besitzt.

Nicht selten praktiziert der Mensch Yoga, um verschiedene Beschwerden, die er bspw. an seinem Bewegungsapparat hat zur Linderung oder Heilung zu führen - ganz ähnlich wie es das systematische Üben in der Krankengymnastik vorschlägt. Unsere heutige, sehr materiell geprägte Zeit konzentriert sich dabei meist auf den rein funktionalen Aufbau der Muskulatur und die damit verbundene Stärkung von Sehnen und Bändern oder auf die Lockerung der Faszien.
Hier gibt es mittlerweile faszinierende und weiterführende Ansätze die sehr differenziert bestimmte Teile des Bewegungsapparates behandeln. Zu beobachten ist dabei aber, dass es häufig bei einem rein mechanischen und funktionalen Üben und Trainieren bleibt und das feinere Erleben von Bewegungsformen dabei aber nicht wirklich berücksichtigt wird.
Bewegung ist Heilung
So sagt man und eine tiefe Wahrheit lebt in dieser profunden Aussage. Dennoch wäre es wünschenswert, dass der Yogaübende wieder ein mehr qualitatives Erleben von Bewegungen wie auch entstehenden Formen erfahren lernt. Dem Wesen der Bewegung liegen tiefere und faszinierende Gesetzmäßigkeiten inne, die ihren Ursprung nicht nur allein in der Materie oder dem Körper selbst haben. Hier kann der Yoga unter guter fachlicher Anleitung ein grossartiges Werkzeug werden, Bewegung wieder zu einem umfassenden und heilsamen Erleben zu formen.
Das Leib-Seele-Verhältnis und seine ungesunde Verschiebung in der heutigen Zeit
Nicht selten bewegen wir Menschen uns heute in sehr festgewordenen Leibern. Wir entfremden unserem eigenem Körper und merken dies gar nicht einmal - höchstens wenn er weh tut. Die Übungen des Yoga aber können eine faszinierende Möglichkeit eröffnen, unseren Körper mit unserem Bewusstsein oder unserer Seele wieder gesünder zu durchdringen. Beide Extreme sind heute mehr die Regel als die Ausnahme: Entweder stecken wir zu tief und fest in unserem Leib, verlieren die gesunde Form und Beweglichkeit oder was eben auch nicht selten ist, Bewusstsein und Körper sind wie Fisch und Fahrrad - sie passen irgendwie gar nicht zusammen. In der Fachsprache der Anthroposophie sprechen wir auch vom Leib-Seele-Verhältnis. Dieses Leib-Seele-Verhältnis unterliegt heute bei sehr vielen Menschen ungesunden, ja sogar krankhaften Tendenzen.
Die Gliederung der Übung führt zu einem Erleben von Weite
In der Yogaasana können wir bspw. lernen die Übung in sich zu gliedern. Das heißt wir legen die Dynamik genau in die Region in der sie notwendig ist, gleichzeitig bewahrt die Übung je nach Charakter eine stabile Basis und gleichzeitig meist im Schultergürtel und im Atem eine fließende Leichtigkeit und Weite. Die Übung gewinnt eine ganz andere Ökonomie ihrer Kräfte und eröffnet in der Folge auch ein neues Erleben. So kann auf diese Weise einmal der Raum den jede Körperübung umgibt feiner und als Teil der Übung wahrgenommen werden. Die Übung entstaut sich und gewinnt Weite und Klarheit.

Der sicher vielen bekannte Sonnengruß (surya namaskar), welcher eine rhythmische Bewegungsabfolge von sechs verschiedenen Einzelübungen in Wiederholung darstellt, eröffnet in dieser Sicht gesehen ein dynamisch-elegantes Wechselspiel von Vorwärts- und Rückwärtsbeuge, von Bewegung und einer unmittelbar sich anschließenden Gegenbewegung. Die Bewegung wird zu einer fast musikalischen und doch konkreten Erlebensform. Das Zurückweichen in einer Rückwärtsbeuge eröffnet ein direkt konträres Erleben zur klassischen Vorwärtsbeuge, eine Drehbewegung wird wieder gänzlich anders empfunden als eine seitliche Flexion des Rückens. Das Spiel der Bewegung kann erfahren werden wie der freie und fließende Atem selbst, der erst in seinem rhythmischen Wechselspiel ein Ganzes darstellt.
Die Schönheit der entstandenen Form
Charakteristisch für den Yoga aber ist immer auch die zur Ruhe gekommene Form der Übung in der wir für einige Zeit in absoluter Stille verweilen. Sie sind wie zwei Geschwisterpaare: Die Bewegung und die statische Form. Die Form ist immer der Ausdruck einer vorausgegangen Bewegung. In der Ruhephase der Übung erfährt sich das sonst hastende und unruhige Bewusstsein mehr beobachtend und freier vom Leibe.

Im fortgeschrittenen Übungsansatz werden die Körperübungen durch Hinzunahme erweiterter Inhalte und Hintergründe zu den Übungen ergänzt. Wir lernen langsam die Dimension der Yogaübung kennen und erfahren, dass sie nicht nur alleinig eine Körperübung ist, sondern auch eine Art tieferes Bedeutungserleben in sich trägt. So besitzt eine Yogaübung tatsächlich eine konkrete geistige Idee, darüberhinaus ein damit zusammenhängendes seelisches Erleben und eine physische Ausdrucksform. In der interessierten Auseinandersetzung erfahren wir erstmals einen realen Zusammenhang von Körper, Seele und Geist.
Die Übung gewinnt ein neues Leben und einen wachsenden Ausdruck der Schönheit und Ästhetik. Das Üben wird zur Kunst in der Liebe zum Leib und der zugrundeliegenden geistigen Idee.

Es wäre allgemein wünschenswert, dass Bewegung heutzutage wieder mehr beseelt, das bedeutet mit empfindender Wahrnehmung durchdrungen, erlebt wird. Dies ist keineswegs ein romantisches Schwelgen im träumenden Bewusstsein, sondern ein tieferes, gesünderes Wirklichkeitserleben in Wachheit und Anteilnahme an der Welt und ihrer verborgenen Gesetze.

Die Schönheit von Bewegung und Form kann durch eine fachkundige und bewusste Auseinandersetzung mit Yoga geschult und in das wachsende Erleben gelangen. Grossartige Heilungsansätze können sich durch diese zukunftsweisende Yogapraxis eröffnen.



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Bewegung und Raum


Eine Bewegung erlebt sich immer auch eingebunden in den sie umgebenden Raum. Es gibt also auch ein Erleben der Übung außerhalb der Körpergrenzen. Raum und Form spielen immer zusammen.

Dynamik, Spannkraft bei gleichzeitig ruhiger, nach außen gerichteter Wachheit und Ruhe kennzeichnet diese Yogaübung.

ustrasana - Kamel (Variation)